Gloria Sogl (b. 1994, Munich, Germany) is an art educator and visual artist, working across various mediums such as installations, performance, text, and textiles. Central to Gloria’s practice is the art of weaving, which serves as a conceptual foundation and inspiration for much of her work and research. Her visual work captures the essence of patterns, narrating threads, individual and collective knowledge and the laborious art of textile making, intricately depicting the working bodies and tools. Through her work, Gloria delves into the contemporary landscape of art-making, forging deep connections with materials and intertwining narratives of textile traditions and automated production in the digital era.

Gloria’s exploration of the loom, a hyper-industrial machine with colonial roots, expands on traditional approaches, questioning the loom as a “timeless” machine amidst anti-modern processes. In this expansion, she strives for a method of unlearning and relearning, of writing and erasing, weaving and unraveling. By treating weaving as a counter-cultural technology, she explores its potential as an aesthetic detour with uncertain outcomes, aiming to further fray and redeMne textile forms.

Gloria studied Fine Arts and Pedagogy in Munich and Nuremberg and graduated from Dutch Art Institute (DAI) in 2024. She received a Study Scholarship from DAAD (2023-2024), the Summerschool Salzburg Scholarship (2021), the German-Czech Scholarship from Bildwerk Frauenau and the Academy of Fine Arts Munich (2023), and the Debutant funding programme, as well as Project funding Scholarship from the Bavarian State Ministry for Sci ence and Art (2024). Gloria has participated in performances and exhibitions in various places, such as Bauhaus Dessau (2018), Haus der Kunst München (2019), Hinterconti Hamburg (2020), Kunstmuseum Celle (2021), Galerie der Stadt Schwarz, Austria (2021), Museum Moderner Kunst Wörlen (2021/22 and 2025), Nida Art Colony, Lithuania (2023), Association Essaouira Mogador, Morroco (2024) and Centrale Fies, Italy (2024), among others.

Text von Joannie Baumgärtner

Manifest(ationen) der Motte

Es kann hilfreich sein, sich auf unbekanntem Terrain einen Guide zu suchen. Im dichten Gewebe aus Bedeutung verirrt es sich leicht. Es braucht Lichtung im Dickicht der Webmuster einer gemeinsamen Realität, wenn diese immer weniger Zuspruch findet. Eine Lesart, die transversal zum sich immer weiter in die Fläche dehnenden Schleier der Gegenwart verläuft, und aus der Mitte heraus, von ihr gelöst und doch durch sie definiert, die einzelnen Strukturen durchdringt.

Auftritt der Motte. Ihre Larve, die an den Fäden nagt, ist nur scheinbar eine zufällige Saboteurin; sie höhlt die kühle Perfektion des Tuches aus, bricht die Muster, äußert ihre Kritik nagend am Gespinst. Sie dekonstruiert das Dispositiv des Tuches von innen, aus keiner Position scheinbarer Objektivität – sie zerstört die Kreuzungen der Fäden und ersetzt sie durch neue Knoten der Aufmerksamkeit aus materieller Abwesenheit und leerem Raum. In ihren Löchern wird sichtbar, was unter der Oberfläche des Gewebes verborgen bleibt.

Im Gewebe von Gloria Sogls Arbeiten tritt das Wechselspiel von handwerklicher Perfektion und künstlerischer Dekonstruktion, von Muster und Lücke in ein eigenwilliges Spannungsfeld, das über das Sichtbare hinausweist. Sogl lenkt die Aufmerksamkeit nicht nur auf das textile Material, sondern auch auf das Konzept des Gewebes selbst als Metapher für die sozialen und ökonomischen Strukturen, in die wir verstrickt sind – gewebte Netze, die glatte Oberflächen schaffen, die das Lebendige zugleich binden und ersticken, Intersektionen von Signifikanten, identifikatorische Bedeutungsmarker eines historisch gewachsenen Systems der Kontrolle über menschliche Existenz. 

Das Weben als Begriff ist eigentlich ein Knoten, in dem eine Unmenge an historischen, kulturellen, ökonomischen, (massen)psychologischen Fäden zusammenlaufen. Auftritt der Motte; das Werk der Larve: Taking it bite by bite. Dennoch stets genug Raum konstruierend, in dem sich die Aufmerksamkeit breit machen kann. Staying hungry. 

In Gloria Sogls Werk verbleibt künstlerische Arbeit als unabschließbarer Prozess, eine ständige Auseinandersetzung mit dem diskursiven Gewebe, eine konsequente Negation der Vorstellung einer neutralen Künstlerin, einer universellen Ästhetik. 

A steady unlearning. Ein Impuls, verwoben, im Spannungsfeld zwischen Festigung und Zerfall. Das Gewebe gerät zur Medium-Metapher, in deren Produktion scheinbare Dichotomien zusammenlaufen: Tradition und Innovation, Handarbeit und Mechanisierung, Präzision und Improvisation, Vertrautheit und Fremde. Das Gerät des Webstuhls, Symbol für Industrialisierung, die Maschine, an deren Automatisierung die frühe Informatik ihren Ursprung nimmt, wird unter Verwendung digitaler Bilderstellung in Handarbeit auf diese Ursprünge zurückgeführt, wird Vehikel einer künstlerischen Bewegung, die zwar einseitige Fortschrittserzählungen ablehnt, aber dennoch nicht stillstehen will.

Die Larve kann Komplizin bei der Arbeit sein. Sie legt die Strukturen hinter der Oberfläche offen. Löcher und Brüche im Gewebe öffnen Räume, durch die das Lebendige unkontrolliert wuchernd hervorquillt. Die Fäden von Kontrolle und Zufall, verwoben in den Mensch-Maschinen-Dialog, sprechen über Systeme der Macht und die immer anwesenden Gestaltungsmöglichkeiten einer Ästhetik des Widerstands: die Dinge nicht mit der allgemeinen Lesart der Oberfläche zu nehmen, sondern sich durch sie hindurchzuwühlen und die eigene Position zu markieren, in den übereinander und ineinander verknäuelten Realitätsgeweben, sich einzunisten, tief im intersektionalen Moiré, im Dickicht der Deutungen von Welt. Dort nagt uns die Larve eine Höhle, einen Raum für Diskurs, wo die Fäden so eng zu sein scheinen, dass nichts durch sie zu hindurchzudringen vermag. 

So lässt das Werk Sogls sich als eine Praxis begreifen, die nicht auf das Endprodukt abzielt, sondern intertext(il) bleibt: jedes neue Gewebe als eine von vielen Aktualisierungen des Vorherigen im Werden begriffen, die Möglichkeiten des Dissens und Unvorhersehbaren wieder einlassend, zwischen Differenz und Wiederholung; die Widersprüche und Falten einer an Kapitalströme, Produktionsmaschinerie und Machtstrukturen gebundenen Gegenwart verwebend. Ihr Inter-Textil ist niemals abgeschlossene Einheit, sondern ein wachsames Gewebe, Raum für Subversion, in dem die Lücken zum zweiten Muster geraten, in dem das Ich als Fragment der eigenen Materie zurückbleibt, nicht kontrolliert, sondern durch eigene Dezentralisierung fortbestehend und unaufhörlich in das Soziale zurückstrahlend.
Das Zerstörungswerk ihrer Larven bestimmt unser Verhältnis zur Motte. Es findet statt im archaischen Kontext der Reproduktion. Wo Kapital und maschinelle Produktion die Arbeit versachlichen und perfektionieren, knüpft der Nachwuchs der Motte als Bote des Verfalls die Rettungsleinen einer Rückkehr, nicht zur Natur, aber zum zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Rissen, nach Lücken, in die nicht der ökonomische Wert eingeschrieben ist, sondern das Erleben nistet. Eine kleine, aber stetige Erinnerung daran, dass jedes Gewebe, jeder Faden sich letztlich nur temporär der Auflösung entzieht – dass kein System, keine Struktur für immer bestehen wird. Der Faden ist nicht mehr nur Werkstoff, sondern wird Zugseil, an dem linearen Erzählungen von historischem Fortschritt die Kraft entzogen wird, an dem sich ein Aufbegehren gegen das idealisierte Bild einer scheinbar universellen, globalisierten Gegenwart entlanghangeln kann. Das Gewebe ist kein Schleier mehr, sondern Nährboden, seine Muster und Motive sind mehr als Ordnungsprinzip Ordnungsprinzipien – sie werden Einfallstore, Höhlen, Gefäße und Bühnen – auf Bühnen, auf denen Gloria Sogl die Manifestationen der Motte spinnt und das Werk der Larve weiter denkt.